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VERSTEHE DEN WIND

Verstehe den Wind

Snowkiten an Hinterseiten eines hohen Berges in Charmonix lehrte mich ein Jahr, wie tief wir in das meteorologische Wissen für den Sport einsteigen müssen, um abzuschätzen, in welche möglichen Gefahren wir uns bei unseren Powerkite Aktivitäten begeben. Als Paragleitlehrer musste ich das Verhalten des Windes verstehen und es den Schülern vermitteln, um das Risiko der Leichtsinnigkeit an gefährlichen Orten zu Fliegen zu reduzieren. Mit diesen Gegebenheiten fliegen wir Flugschirme und nehmen diese auch in hügeliges oder bergiges Gelände mit. Einige dieser Umstände treffen auch genau auf Powerkiter zu.

Ein guter Ansatzpunkt ist sich vorzustellen, dass der Wind sich wie Wasser verhält und so z.B. um runde Hindernisse herumströmt und den Weg des geringsten Widerstandes wählt. Verschiedene Effekte, die ich in die Tiefe erklären werde, wie Wind Gradient, Venturi Effekt, Dynamischer Lift und turbulente Wirbel, beinflussen die Luft in der wir kiten oder fliegen maßgeblich. Zu diesen Effekten spielt wechselndes Wetter, wie Böenfronten (wenn riesige Haufenwolken oder schwere Gewitterwolken auftauchen) eine große Rolle. Genau so können auch lokale Effekte wie Thermiken oder Windhosen einen starken Einfluss auf die uns umgebende Luft haben.

Verwirbelungen und Turbulenzen

Viele von euch werden beim Powerkiten am Strand in auflandigen Winden festgestellt haben, dass der Wind viel konstanter und sauberer ist, als bei ablandigen Winden. Die Erklärung ist ganz einfach, denn die Luft die vom Ozean kommt wird viel weniger von Landschaftsprofilen und Hindernissen beeinflusst, als eine solche die Landschaften, Berge, Gebäude, Autos und vieles mehr umströmen muss. Jeder Gegenstand, welcher der Luftströmung im Weg ist, wird diese ablenken und je nachdem welche Größe und Form der Gegenstand hat und wie stark der Wind ist, wird das einen flächigen Strömungsabriss zur Folge haben und so Luftwirbel von turbulenter Luft erzeugen. Diese werden Rotoren oder Verwirbelungen genannt. Wir können diese Verwirbelungen downwind der Gegenstände als leichte Böen mit starker Änderung der Windrichtung spüren. Viele Faktoren beeinflussen die Größe des Gebiets, wo diese Turbulenzen auftreten. Versuche dir mit einer Windfahne eine Idee zu machen, wie offensichtlich und nützlich es ist diese böigen Bereiche zu meiden. Viele Kiter haben Erfahrungen dieser Effekte beim Kiten gemacht und manchmal hört man von unerklärlichen Kraftwellen oder einem kompletten Kollabieren des Windes bei Änderung der Windrichtung um bis zu 180° inherhalb eines Wimpernschlags. Nicht so unerklärlich jedoch, wenn man downwind von Gebäuden oder Bäumen Buggy oder Mountainboard fährt oder hinter einer Felskante und Ähnlichem fährt!

Wind Gradient

Das ist ein recht leicht zu begreifender Zusammenhang. Wenn Luft über die Oberfläche unseres Planeten strömt, wird sie von jedem Hindernis, mit dem es in Kontakt kommt, beeinflusst. Des Weiteren wird die Geschwindigkeit des Luftstroms dadurch verlangsamt. Die Konsequenz ist, dass die Luft über dem Grund von der unter ihr liegenden Luftschicht gebremst wird, jedoch in einem gedämpfteren Grad. Also ganz simpel: je höher wir uns befinden, desto höher ist die Windgeschwindigkeit. Wir sollten alle darauf achten, da man oft überrascht sein kann, wie wenig Wind man spürt und wie viel Druck der Kite doch gleichzeitig macht, wenn er 25m über unserem Kopf steht. Das ist der Wind Gradient und wir können daher an der Spitze eines Berges einer höhere Windgeschwindigkeit erwarten, als am Fußes des Berges.

Venturi Effekt

Ein anderer Effekt der Luft, dem du vielleicht schon begegnet bist, aber nicht so ganz verstanden hast, ist der Venturi Effekt. Stell dir vor aus einem Wasserschlauch läuft Wasser und du presst dann deinen Daumen auf das Ende und blockierst damit ein Teil der Austrittsöffnung. Nun fließt die gleiche Menge an Wasser aufgrund der Gesetzen der Physik durch einen kleineren Kanal. Das Wasser hat demnach eine höhere Geschwindigkeit beim Austritt. Nun stell dir vor du fährst mit deinem Buggy bei auflandigem Wind am Strand entlang und dann downwind hinter einer Reihe von Felsen her. Ein Spalt in den Felsen stellt für die Luft den Weg des geringsten Widerstands dar, daher wird sehr viel Luft durch diesen Spalt treten (eher als die Flesen hoch zu strömen) und so beschleunigen. Den Venturi Effekt wirst du auch beim Mountainboarden erleben, wenn du einen Hügel hinauf fährst oder beim Snowkiten einen Berg hoch fährst. Wärend du den Berg erklimmst, wirst du aufgrund des Wind Gradient einen stärkeren Wind spüren und wenn du den Gipfel dann erreichst nimmt er durch den Venturi Effekt weiter zu, da große Luftmassen, die vom darüberliegenden atmosphärischen Druck zusammengepresst sind, versuchen den Hügel oder Berg zu überqueren.

Dynamischer Auftrieb

Solange Hügel und Hindernisse in dem Weg des Windes liegen, werden sie Verwirbelungen und Turbulenzen erzeugen, und wenn sie keine geschmeidige Form haben, die der Luft ein geschlossenen Strom um die Hindernisse erlauben und einen 90° Winkel zur Windrichtung darstellen, können sie auch “Dynamischen Lift” erzeugen. Wir haben alle schon Seemöven gesehen, wie sie an einer Hafenwand, oder einer windzugewandten Felswand ohne Bemühungen emporsteigen. Solange sie nicht mit den Flügeln schlagen, muss es eine Kraft geben, die sie oben hält. Diese Kraft ist Auftrieb und dieser kommt durch Luftmassen zu stande, die durch im Weg liegende Objekte gezwungen werden in einer vertikalen Richtung zu strömen. Wenn wir einen Reihenhaus vorliegen haben, was einen Barriere am Ende des Strands erzeugt, herscht bei auflandigem Wind eine Strömung an diesen Häusern, die ebenfalls in vertikaler Richtung verläuft. Das erzeugt ein Gebiet von Auftrieb, welches auch Liftband genannt wird. Diese kann sich beachtlich weit in downwind Richtung ausbreiten und dies noch viel weiter vertikal in Richtung Himmel. Die kreisenden Seemöven nutzen dies als prinzipielle Flugmethode, aber für die wachsende Gruppe an Powerkitern stellt das eine große Gefahr dar. Viele Kiter haben einen Sprung gemacht und sich plötzlich viel viel höher wieder gefunden und sind viel weiter entfernt von dem Punkt gelandet, wo sie es eigentlich geplant hatten zu landen. Man hat leicht die Stärke des Windes übersehen, die er erzeugt, wenn er durch Hindernisse beeinflusst wird, denn Luft ist unsichtbar. Es war eine Session an einem Berg in Chamonix, die mich dazu brachte das hier zu schreiben, als wir uns schrittweise an einem steiler werdenden Abhang fortbewegten und der Wind stark genug wurde, um einen unglaubliches Liftband zu erzeugen. Ozone Entwickler Robbie Whittall wurde dort hoch über den Grund gehoben (siehe Foto). Glücklicherweise brauchte er als ehemaliger Weltmeister im Paragliding keinen Unterricht, um zu wissen wo der geringste Auftrieb und die beste Stelle zum landen ist. Ein leichter Pilot wäre an dem Tag vielleicht bis in die Schweiz geflogen.

Wärend die Kitetechnologie weiter und weiter verbessert wird und Kitehersteller Raffinessen in ihre Produkte entwickeln, werden die Kites zu Flügeln und die Kiter zu Piloten. Wenn wir uns zu Piloten entwickeln, sollten wir das Element, in dem wir fliegen, besser verstehen. Es gibt viele Bücher und Internetseiten, wo du das oben stehende noch genauer nachlesen kannst, also tu dies bitte. Mögest du gute Winde und blaue Himmel haben.

Text und Fotos von Gus Hurst